László Moholy-Nagy, ein universelles Genie des Bauhaus
Cross-Media Künstler der europäischen AvantGarde - Moholy-Nagy Retrospektive. Schirn Kunsthalle, Frankfurt noch bis zum 7. Februar 2010
Der Anfang des letzten Jahrhunderts veränderte die wissenschaftlich-technischen, industriellen und gesellschaftlichen Strukturen in Europa wie nie zuvor. Man denke dabei an Strom, Lichtquanten, Relativitätstheorie, Film, Telefon, Oktoberrevolution. Der zeitgenössische, unbändige Fortschrittsglaube beseelte bis in die 1920er auch die Kunst der europäischen Avant-Garde, zu der auch der ungarische Bauhaus-Professor László Moholy-Nagy (1895–1946) gehörte. Sie war überzeugt, dass es universell gültige Prinzipien in der Kunst gibt. Und das ein Kunstwerk bloß ein Entwurf ist, ein „Statischer Film“, der erst durch und in Betrachtern abgeschlossen wird! Die europäische AvantGarde sah Kunst als einen andauernden, experimentellen Prozess an, aber nicht als Endstadium. Das eint Moholy-Nagy mit neueren Künstlern wie Andy Warhol, Joseph Beuys oder Sigmar Polke.
Die Frankfurter Schirn zeigt nun 170 Werke von Moholy-Nagy von Gemälden über Skulpturen, Bühnenbildentwürfe bis hin zu Fotogrammen. Fotogramme hat der Maler Christian Schad kurz zuvor in die Kunst eingeführt. Dabei werden Objekte direkt auf lichtempfindliches Fotopapier gelegt, dann dem Licht ausgesetzt. Diese Fototechnik arbeitet also ohne Kamera. Seine zukunftsweisenden Theorien über die Kunst als Versuchsfeld für neue Ausdrucksformen und deren Anwendung auf alle Bereiche des modernen Lebens wirken bis in die Gegenwart hinein.
1923 bis 1928 Professor am Bauhaus, verbirgt sich im Multimedia-Künstler ein der Technik offen und aufgeschlossen gegenüberstehender Humanist. Der Leiter der Metallwerkstatt und Erfinder des Medien-Designs, wird zum Vordenker neuer technischer, gestalterischer und didaktischer Möglichkeiten. Was ihn eint mit der zeitgleichen Russischen AvantGarde um Kandinsky, Rodschenko, Malewitsch.
Lebensqualität steigern, Wissenschaft und Technik als Bereicherung menschlicher Erfahrungen einstufen, das war die künstlerische Konstante. Lebenslang versucht Moholy-Nagy, den künstlerischen Einfall zu objektivieren, ihn durch moderne Technik zeitlos zu konservieren.
Das Bauhaus-Trio Kandinsky - Klee - Moholy-Nagy prägte zudem den visuellen Ausdruck der Kultur in der Weimarer Republik. Ihre dynamisch zueinander abgestuften Kreise und Balken, wurden zu Leitmotiven der Moderne
Der Ungar kombinierte die elementaren Formen Linie, Fläche, Kreis und arbeitete mit Hell-Dunkel-Kontrasten und Farbnuancen, um eine räumliche Wirkung zu erzielen. Der prägende Experimentalphotograf des 20. Jahrhunderts drehte sogar abstrakte Filme wie „Lichtspiel: schwarz-weiß-grau“ (1930).
Auch die pädagogischen Ansätze von László Moholy-Nagy sind ungebrochen aktuell: Anleitung geben, aber stets genügend Freiräume lassen, um sich selbst finden zu können.
Als früher Cross-Media-Künstler wird er angesehen wegen der „Telefonbilder“. Deren Geschichte erzählt der Künstler wie folgt: 1922 verbindet das Telefon zwei Personen, die jeweils Millimeterpapier und die firmeneigenen Farbpalette vor sich liegen haben. Moholy-Nagy gibt Flächenpositionen und Farbmuster-Formeln durch. Am anderen Ende nimmt der Abteilungsleiter einer Schilderfabrik die Daten auf und läßt Bilder in Porzellanemaille auf Stahl ausführen. Ähnlich wie Andy Warhol ließ er diese konzeptionell-radikalen Frühwerke der Medienkunst von Mitarbeitern anfertigen.
Im zweiten Ausstellungsteil der Schirn beeindrucken besonders die Reliefbilder. Eine Materialcollage wie “Space Modulator Experiment, Aluminium 5″ vereint eine mit Ritzen versehene Metallplatte, eine bemalte Plastikscheibe und einen lackierten Holzträger.
Den Abschluß der Ausstellung bildet der erstmalig realisierte „Raum der Gegenwart“. Es ist ein begehbares Kaleidoskop der Theorien und Innovationen um 1930: Alltagskultur, bildende Kunst, Architektur und Design können in dieser multimedialen Zusammenschau erlebt werden
Sein ganzes Leben lang vertrat der Kosmopolit die künstlerische Grundhaltung, alles in ein universelles Gesamtkonzept einzubauen: Wissenschaft und Kunst, Technik und menschliche Emotionen. Zum Wohle der Gesellschaft. Oder in seinen Worten:
„Es ist meine Überzeugung, daß mathematisch harmonische Formen … ein perfektes Gleichgewicht zwischen Gefühl und Intellekt herstellen“.
Foto:
LÁSZLÓ MOHOLY-NAGY.
LIS, 1922
Öl auf Leinwand 131 x 100 cm
Courtesy Kunsthaus Zürich
© VG Bild-Kunst, Bonn 2009
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So was wie Fotogramme haben wir im Fotokurs an der Schule auch schon mal probiert: irgendwas auf Fotopapier gelegt, Licht kurz angeknipst. Entwickeln.. Fertig. Hat wohl jeder schon mal in der Schulzeit mitgemacht
Der Erfinder war also Moholy-Nagy, hab ich in der Schirn gelernt.
Anneliese hat schon Recht… Das hatte ich auch in der Schule, eine Foto-AG mit diesen Belichtungsexperimenten, wie heißt das noch mal? Ach ja,… Fotogramme!..
Aha; daher kenne ich also die Fotogramme. Ich hab mich beim Lesen auch sofort in meine Schulzeit versetzt. Die gute alte Foto-AG vom Kunstlehrer Sahre ….!
Spannend !
Schöner Artikel. Bringt die ganzen Verbindungen, wer wen kennt , wen beeinflußt hat, was der gemeinsame Überbau, der Glaube ist, auf den Punkt!
Die Fotogramme sagen mir aber eigentlich nicht viel. Mir gefallen die „Kandinsky“ –Bilder von Moholy-Nagy viel, viel besser, etwa „LIS“ oder Telefonbild EM1.
Wir sollten heute so weit sein, wie die europäische Avantgarde es damals um 1920 schon war. Jeder lernt von jedem. Ohne Vorurteile, ohne Mißtrauen .
Ein wirklich soziales Europa war damals schon sooo nahe.
genau, Roman, das hab ich auch in der Ausstellung gedacht. Ein soziales Europa wäre schön..! Ohne geistige Schranken. Das wärs.
Anneliese Mischke
Ich hätte gerne mal in Frankfurt einen direkten
Vergleich Kandinsky – Klee – MoholyNagy. Jeweils 3er Gruppen, die dann zeigen, wie die Künstler bestimmte Themen jeweils auf ihre Art umsetzen. Der eine malt halt, der andere macht vielleicht eine Plastik etc…
Tolle Idee, Tina. Muß man mal dem Hollstein, dem Chef der Schirn, vielleicht mal sagen. Der soll ja ganz rührig sein
Dieser Artikel macht richtig Lust ein Ticket zu kaufen, nach Frankfurt zu fahren und die Austellung anzuschauen.
Ach ja, leider ist sie schon vorbei:(
Auf jeden Fall werde ich mich mit dem Multimediakünstler Moholy-Nagy noch beschäftigen und auf der Hut sein,um die nächste spannende Ausstellung nicht zu verpassen.
Danke für die Anregung.
Wie das Moholy-Nagy Zitat so treffend sagt:
“Nem a tárgy, az ember a cél.”
Was heisst: “nicht der Gegenstand, der Mensch ist das Ziel.”
Ein Mensch bedankt sich also:
Köszönöm az érdekes cikket!
Ich kann mich Magdolna nur anschließen: Schade, dass es schon vorbei ist!
Sehr schöner Artikel… macht neugierig auf den Künstler.
С огромным удовольствием прочитала эту статъю, которая пробуждает интересс не только тех людей которые об этом много знают,или читали. Прочитав эту статъю, неуспеваешь удивляться таким талантливым людям, которые существовали уже в 1930 году.Только становится очень жаль , что выставка уже закончилась, очень бы хотелось посмотреть на всё это в живую. Очень интерессная и к тому же, поучителъная статъя, огромное спасибо!
Благодарю за интересную статъю. Действительно стоит углубиться в изучение мастерства легендарного художника, фотографа и дизайнера Мохоли-Надь. Как жаль, что выставка уже закончилась!